Erfolgsgeschichten

Gefängnisse, Anstalten und Genesung

Narcotics Anonymous lernte ich im Gefängnis kennen. Innerhalb von sieben Jahren saß ich damals schon zum dritten Mal ein und hatte die wenigen Monate dazwischen auf der Straße verbracht.

Ich hatte gehört, dass es abends diese Treffen gibt, wo es um irgendwas mit Drogen geht. Das klang interessant, also ging ich hin. Außerdem kam ich so auch mal aus meiner Zelle raus.

Ich weiß noch, wie verwirrt ich aus meinem ersten Meeting rauskam. Wieder in meiner Zelle gingen mir all die Jahre auf der Straße und im Knast durch den Kopf, und all das, was ich durchgemacht hatte, bloß um an Stoff zu kommen. All das hatte ich so satt! Diese Gruppe, die sich Narcotics Anonymous nannte, war mir allerdings ein bisschen zu heftig. Ich hielt mich nicht für einen Hardcore-Junkie – ich brauchte einfach nur jeden Tag Stoff und im Knast war ich nur wegen meiner Klauerei Dauergast. Für meine Probleme konnte NA wohl kaum die Lösung sein. Trotzdem hörte ich in diesen ersten Meetings einiges, das mich ansprach, und so kam ich immer wieder. Die Leute bei NA sagten, dass sie keine Drogen mehr nehmen, noch nicht mal Gras. Auch ich wollte den ganzen Wahnsinn in meinem Leben loswerden, aber ich meinte, dass ich dafür ja wohl nicht auf sämtliche Drogen verzichten müsste. Ich müsste nur irgendwie lernen, besser mit den Drogen umzugehen.

Von den NA-Mitgliedern, die zu den Knast-Meetings kamen, hatten einige selbst gesessen. Sie behaupteten, dass sich ihr Leben dank der Unterstützung von NA zum Guten verändert habe – Süchtige, die miteinander teilen und sich gegenseitig helfen. Die Leute erzählten, wie sie früher gelebt hatten und wie es nun für sie war. Mir gefiel das und schon bald fühlte ich mich durch das Leid, das wir alle erlebt hatten, stark mit ihnen verbunden. Ich begann, diese NA-Leute zu respektieren, die mir erzählten, wie sie gelernt hatten, ohne Drogen, Alkohol und Knast zu leben.

Ich ging regelmäßig in die NA-Meetings, während ich mich weiterhin bei jeder Gelegenheit zudröhnte. Die NA-Mitglieder sagten mir, ich solle trotzdem weiter kommen, egal was passiert, und das tat ich. Außerdem waren die Meetings in jedem Fall besser als das Gequatsche beim Hofgang.

Etwas später wurde ich im Vorfeld meiner Entlassung in ein Gefängnis mit geringeren Sicherheitsauflagen verlegt. Ich war früher schon einmal dort gewesen, aber wegen Gras in ein Gefängnis mit höherer Sicherheitsstufe verlegt worden. Jetzt erinnerte ich mich an all den Ärger, den ich mir dort schon eingehandelt hatte, nur um Drogen zu nehmen. Man kannte mich dort also und ich war ziemlich nervös, denn ich wusste, dass ich vom ersten Moment an unter verschärfter Beobachtung stehen würde. Ich dachte ständig daran, wieder zu nehmen, und daran, was passieren würde, wenn man mich wieder erwischte.

Vor der Busfahrt rauchte ich also noch einen Joint. Damals war mir das nicht klar, aber es sollte mein letzter sein. Seit ich NA kennengelernt hatte, fragte ich mich, warum das Programm bei mir nicht wie bei den anderen funktionierte. Ich hatte die Drogen und den Knast satt, aber offenbar noch nicht satt genug, um clean in die Meetings zu gehen. Jetzt musste ich mich endlich entscheiden. Die Entscheidung, die ich auf meiner vom Staat bezahlten Busfahrt traf, begründete sich vor allem auf Angst – und auf einiges von dem, was ich bis dahin in den NA-Meetings gehört hatte.

Ich saß also mit Handschellen und Fußfesseln in dem vergitterten Bus. Hinter dem Gitter saß ein mies gelaunter Aufseher mit einem Gewehr. Am Fenster flog die Welt der freien Menschen vorbei und ich fragte mich, warum ich nicht dazugehören konnte. Die Drogen brachten es nicht mehr, aber gar nichts mehr zu nehmen war eine sehr seltsame Vorstellung. Später war ich sehr erleichtert zu hören, dass es völlig ausreicht, die erste Droge »nur für heute« nicht zu nehmen.

Als ich im neuen Gefängnis ankam, wurde ich von einem Insassen empfangen, der auch bei NA war. Ich kannte ihn aus den Meetings in einem anderen Knast. Es war eine Riesenerleichterung, sein Gesicht bei der Ankunft zu sehen, denn ich wusste sofort, dass ich es mit seiner Hilfe schaffen kann. Ich ging weiter in die Meetings und fing jetzt auch an, Service zu machen.

Die letzten sechs Monate meiner Haftzeit sagte ich mir jeden Morgen als Erstes: „Nur für heute werde ich nichts nehmen.“ Ich hielt mich an die NA-Mitglieder im Knast, um nicht in Versuchung zu geraten. Trotzdem war es nicht leicht, denn es gab ständig Gelegenheiten, aber jetzt unterstützte mich die NA-Gemeinschaft. Einmal durfte ich für ein Meeting nach draußen, und das verstärkte meinen Wunsch noch, zur Gemeinschaft da draußen zu gehören. Ich war jetzt clean, wenn ich ins Meeting ging, und etwas veränderte sich. Das Programm begann zu wirken.

Heute weiß ich, warum NA funktioniert. Erst wenn man keine bewusstseinsverändernden Stoffe mehr nimmt, kann man das begreifen.

Allmählich lernte ich auch, was es bedeutet, füreinander da zu sein. Wir schaffen es, weil wir einander helfen. Ich merkte, dass niemand mich so gut verstehen konnte wie ein anderer Süchtiger. Und niemand konnte mir so helfen wie ein cleaner Süchtiger.

Ich war wahnsinnig stolz, als ich der Gruppe sagen konnte, dass ich neunzig Tage clean war. Stolz hatte es in meinem Leben vor NA nicht gegeben. Ich musste nicht mehr verzweifelt versuchen, Drogen zu bekommen und dafür verrückte Sachen zu machen. Ich hatte noch nie zuvor clean im Knast gesessen und es war ein irre gutes Gefühl.

Ich traf auf die Empfehlung einiger NA-Freunde hin eine weitere Entscheidung, die die zweitwichtigste in meinem Leben werden sollte. Für den Tag meiner Entlassung verabredete ich mich mit einem NA-Mitglied, das mich am Gefängnistor abholte. So hatte ich sofort jemanden an meiner Seite, der wusste, was ich an meinem ersten Tag in Freiheit brauchte, denn ich selbst wusste es ganz bestimmt nicht.

Heute gehe ich in den Knast, um die Botschaft von Narcotics Anonymous weiterzugeben, und dann empfehle ich den Leuten, es wie ich zu machen, und sich bei der Entlassung von einem NA-Mitglied abholen zu lassen. Immer wieder höre ich: „Ja klar, mach ich bestimmt, aber ich muss erst mal dieses und jenes erledigen.“ Mach dir nichts vor! Wenn du ein Süchtiger bist so wie ich, dann bist du vielleicht schon gestorben, bevor du das alles erledigt hast.

Meinen ersten Tag in Freiheit vergesse ich nie. Wir fuhren zu einer Wohnung, wo schon andere NA-Mitglieder auf mich warteten. Einer gab mir ein ganz neues Adressbuch, in dem nur ein paar Telefonnummern von NA-Leuten waren, und sagte: „Gib mir dein altes Adressbuch, diese alten Connections brauchst du jetzt nicht mehr.“ Ein anderer holte Kleidung für mich aus einem Schrank. An diesem Tag ging ich gleich in mehrere Meetings. Ich fühlte mich sehr geliebt und angenommen und genau das hatte mir die ganzen Jahre hinter Gittern gefehlt.

Vor Kurzem hatte ich eine besondere Premiere. Ich stand vor Gericht und erhielt eine Urkunde über die Streichung aus dem Strafregister. Dass ich aus diesem Grund einmal vor einem Richter stehen würde, hätte ich nie gedacht. Ich bin sehr froh, dass ich mir Unterstützung nicht nur aus der Gemeinschaft geholt habe, sondern auch von Gott. Es ist ein Gott, den ich verstehe und an den ich mich wenden kann, wenn ich eine Höhere Kraft brauche. Und diesen Gott habe ich in Narcotics Anonymous gefunden.

Wenn du dies im Gefängnis liest und dich fragst, ob dein Leben wegen Drogen oder wegen Alkohol den Bach heruntergeht, oder ob es an beidem liegt, ist dies meine Botschaft für dich: Erkundige dich, ob es in deiner Anstalt ein NA-Meeting gibt und schau einfach mal rein. Vielleicht rettest du damit dein Leben und lernst, ein besseres zu führen. Wenn ein Süchtiger wie ich es geschafft hat, dann schaffst du es auch, denn bei Narcotics Anonymous helfen wir einander.


Geschichte aus: Basic Text 6. Auflage, Copright Narcotics Anonymous World Services, Inc. Chatsworth, California