Bitte beachtet, dass es sich bei unseren Beiträgen nicht um offizielle NA-Literatur handelt, sondern die Artikel nur die persönliche Meinung und Erfahrungen der NA-Mitglieder widerspiegeln, welche die Artikel schreiben.
Und plötzlich war die Demut wieder da…
Mein Name ist Sowieso und ich bin süchtig.
Nach vielen Anläufen, hunderten Meetings, einigen Services und endlich Kontakt zu anderen cleanen Süchtigen, bin ich das erste Mal über zwei Jahre am Stück clean. Was für ein Wunder.
Es hat sich sooo viel geändert, die Liste ist nahezu unendlich lang. Vom Kreislauf des „Besorgen und Nehmen“ zurück ins Leben. Von der Selbstzerstörung in die Annahme. Aus der Psychose in die Realität. Von der Taubheit ins Gefühl. Von der Isolation in die Gemeinschaft.
Ich müsste doch über den Berg sein, habe ich so oft gedacht. Ich bin safe, hab schließlich selbst den Tod meines Vaters clean überstanden, meine Mutter unterstützt in dieser Zeit, mich von meiner aktiv süchtigen Schwester distanziert, einen meiner Hunde einschläfern lassen, mich aus einer Beziehung gelöst…. Und ich musste nix nehmen…
Manchmal sind es die kleinen Ängste, die die Dinge groß werden lassen. Ich traue mich nicht mit meinem ebenfalls cleanen und süchtigen Partner zum Sport, habe Angst vor den Menschen dort, höre auf die Angst, bleibe zuhaus, gerate in einen ganz alten Strudel hinein, lasse mich kampflos auf mein Selbstmitleid und in Folge dessen auf absolute Ablehnung mir selbst gegenüber ein. Ich spreche nicht darüber, wiederhole bloß was mich abhält und komme nicht ins hier und jetzt. Fühle mich kindlich, schwach, unverstanden, allein – in meinem Kopf ein Sog aus negativen Gedanken und Gefühlen. Kann nicht erkennen dass es die Krankheit ist. Und dann ist es plötzlich da – Ich denke Drogen könnten die Lösung sein, behalte es für mich, teile es in keinem Meeting. Schäme mich, komme mir lächerlich vor. Noch mehr drückt der Gedanke, dass Drogen diese Gefühle wegmachen könnten. Aber ich habe morgens eine Entscheidung getroffen, vertröste die Drogen auf den nächsten Tag.
Ich wache auf. Scham und Angst sitzen noch immer in meiner Brust, die Krankheit bleibt aktiv.
Am Abend halte ich meine Verabredung zum Meeting ein, trotz des Suchtdrucks, will noch nicht nachgeben, kann zuende denken…Gott sei Dank. Im Meeting höre ich den anderen zu, fühle wie es etwas wärmer wird in mir und spüre, dass ich es endlich alles aussprechen kann….
Beschreibe es alles genau und komme in den Fluss, es alles rauszulassen, mit den alten Gefühlen und den Gedanken. Schaue in diese Gesichter die mich verstehen, die mich liebevoll ansehen….
Und plötzlich ist sie wieder da… die DEMUT, dass ich lebe und nicht gestorben bin, dass ich lebe und nicht mehr alleine bin, dass ich lebe und mich nicht mehr zerstören muss.
Diese Momente in denen ich wieder „wach“ werde und zurück zur Demut finde, halten mich in den Meetings. Und was die Anderen teilen. Und jede Situation, in der ich spüren darf, dass meine Krankheit immer da ist, wenn auch nicht mehr in der gleichen Form wie früher. Auch diese Momente in denen mir wieder klar wird, dass mein Kopf alleine nur negativen Scheiß produzieren würde, wenn ich es nur einen Wimpernschlag zu lange zulassen würde, sind so wichtig, um clean zu bleiben. Um demütig und dankbar zu bleiben. Um dieses Wunder nicht achtlos wegzuwerfen. Um nicht zu denken, dass ich es alles alleine schaffen kann oder muss.
Danke für diese zweite Chance und diese vielen Wunder und Weggefährten. ◇



