Bitte beachtet, dass es sich bei unseren Beiträgen nicht um offizielle NA-Literatur handelt, sondern die Artikel nur die persönliche Meinung und Erfahrungen der NA-Mitglieder widerspiegeln, welche die Artikel schreiben.
Ich bin suchtkrank.
Clean.
Seit einigen Jahren.
Und genau das ist wichtig, um zu verstehen, was in den letzten Wochen passiert ist.
Sucht verschwindet nicht.
Sie verändert ihre Form.
Sie kommt nicht immer als Verlangen nach einer Substanz.
Manchmal kommt sie als Gedanke.
Als innerer Druck.
Als das Bedürfnis, etwas zu reparieren, was sich leer, verletzt oder ausgeschlossen anfühlt.
Ich bin nicht am Anfang meines Weges.
Ich bin weiter.
Ich bin in Schritt 8.
Und trotzdem stand ich plötzlich wieder da,
wo ich nie wieder stehen wollte.
Der Auslöser war kein Drama von außen.
Es war etwas Alltägliches – und genau deshalb so gefährlich.
Mein Geburtstag.
Ein Tag, an dem alte Muster besonders laut werden:
Erwartung.
Nähe.
Gesehenwerden.
Und die alte Angst, wieder nicht dazuzugehören.
Kurz danach kam eine Situation mit Menschen, die alte Wunden aufgerissen hat.
Kein offener Konflikt.
Kein Angriff.
Aber dieses vertraute Gefühl:
Ich bin außen vor.
Ich passe nicht richtig.
Ich bin zu viel oder zu wenig.
Und genau hier sitzt mein Muster.
Mein Muster ist nicht Wut.
Mein Muster ist Verletzlichkeit.
Eine tiefe, alte Sehnsucht nach Verbindung.
Nach Sicherheit.
Nach dem Gefühl, einen Platz zu haben – ohne etwas leisten zu müssen.
Wenn dieses Muster aktiviert wird,
wird mein Denken eng.
Schwer.
Kreisend.
In diesen Momenten geht es nicht um Menschen im Außen.
Es geht um ein altes inneres Loch,
das früher mit Substanzen gefüllt wurde.
Heute versucht es sich mit Gedanken, Fantasien und Fluchtbewegungen zu füllen.
Ich stand nicht mit einem Konsumplan da.
Aber ich stand eine Armlänge vor der Klippe.
Nicht nur vor der Klippe des Lebensgefühls, sondern auch vor einem Rückfall.
Egal in welche Richtung.
Egal mit was.
Was mich gehalten hat, war kein Durchhaltewille.
Es war Beziehung.
Mein Sponsor war da.
Mehrmals am Tag.
Mit Gesprächen.
Mit Klarheit.
Mit ehrlicher Nähe.
Ohne diese Verbindung wäre ich gegangen.
Davon bin ich überzeugt.
Ich habe etwas getan,
was ich nicht geplant hatte:
Ich habe noch einmal Inventur gemacht.
Nicht als Rückschritt,
sondern aus Notwendigkeit.
Ich habe angefangen, mich aktiv zu regulieren.
Nicht perfekt.
Aber ehrlich.
Ich bin schwimmen gegangen.
Ich bin in die Sauna gegangen –
zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren.
Nacktheit war plötzlich keine Scham mehr,
sondern Freiheit.
Mein Körper war kein Feind,
sondern ein Ort, zu dem ich zurückkehren konnte.
Ich habe meinen Körper wieder gespürt:
Wärme.
Kälte.
Atem.
Grenzen.
Ich habe Struktur geschaffen,
nicht um Kontrolle zu gewinnen,
sondern um mich zu halten.
Ich habe nicht gewonnen.
Ich bin geblieben.
Und manchmal ist genau das der Erfolg:
Nicht stark zu sein.
Sondern da zu bleiben,
wenn alles in einem tobt.
Dieser Text ist anonym.
Aber er ist wahr.
Und vielleicht liest ihn jemand,
der gerade selbst an der Klippe steht.
Dann möchte ich sagen:
Bleiben ist kein Versagen.
Bleiben ist Mut.



